Reisebericht Extended Version
So nachdem die Hitzewelle wieder ein bisschen abgeklungen ist, schaff ich es endlich mal wieder zu schreiben. In den letzten Wochen habe ich schon wieder einiges erlebt. Aber der Reihe nach. Erstmal hab ich es tatsächlich geschafft mir das berühmte Schweißtuch zu kaufen. Hat mir bereits gute Dienste erwiesen – werde es also garantiert nach Deutschland mitbringen, auch wenn dort die Sommer bekannter weise ja nicht ganz so heiß sind…
Auch neue Schuhe hab ich endlich gefunden – für knapp 7€ bin ich jetzt im Besitz von einem paar traumhafter Lack-Sandaletten-irgendwas. Sehen besser aus als sie sich anhören, keine Sorge.
Auch die 1. Salsa – Unterrichtsstunde hab ich mittlerweile hinter mich gebracht. Ich und meine Lieblings-Nebenzimmer-Bewohnerin Christina haben uns an einem Sonntag den lateinamerikanischen Rhythmen gestellt und grandios versagt. Mittlerweile schaffen wir es aber immerhin die Grundschritte einigermaßen elegant aussehen zu lassen und ich bin sicher, dass es dank meinem verdammt gut aussehenden, aber leider schwulen Tanzpartner auch bald mit den Drehungen klappt.
Auch in der Pension hat sich so einiges verändert: haben bei meiner Ankunft noch Ingo und seine Mutti, die beide hierher ausgewandert sind, gewohnt, sind diese mittlerweile ausgezogen. Mit knapp 2 Monaten Verspätung kam endlich ihr lang erwarteter Container mit sämtlichen Möbeln aus Deutschland an, sodass sie nun in ihr eigenes Haus ziehen konnten. Auch ein paar andere sind gekommen und gegangen, so zum Beispiel Markus, der bei der ,,Aktuellen Rundschau’’ arbeiten wollte, aber zu einer deutschen Zeitung in Buenos Aires weiter gezogen ist, nachdem er hier nie auch nur einen Cent Lohn erhalten hatte. Auch ein argentinisches Pärchen war knapp 2 Wochen hier um einen Film über Madame Lynch zu drehen, die irische Geliebte des paraguayischen Diktators Francisco Lopéz. Auch ein deutscher Backpacker hat mal für eine Nacht vorbeigeschaut. Momentan sind wir aber ein reiner ,,Hühnerstall’’ wie unser netter Hausherr Peter sich auszudrücken pflegt. Neben mir und Christina, die aus Bautzen kommt, in Chemnitz Germanistik studiert und hier gerade ein Urlaubssemester beim Goethezentrum in Asunción einlegt um Paraguayern deutsch zu lernen, sind vor knapp 2 Wochen auch noch Sarah und Michelle eingezogen. Sarah kommt ursprünglich aus dem Schwarzwald und studiert glaube ich immer noch Literaturwissenschaften in München. Momentan macht sie hier ein Praktikum bei der ,,Aktuellen Rundschau’’- also genau das was ich ursprünglich mal machen wollte – und ab und zu erfreuen wir die liebe Christina mit ein paar Schwäbischen Redewendungen, was sie todeslustig zu finden scheint. ^^
Michelle kommt ebenfalls aus dem Osten und hat wie Christina in Chemnitz studiert – die beiden sind sich sogar schon mal über den Weg gelaufen – die Welt ist einfach ein DORF!
Sie macht hier ein Praktikum bei der deutsch-paraguayischen Außenhandelskammer.
Ansonsten ist die Pension gerade ziemlich leer. Unser hauseigenes Gespenst Manuel ist gestern ausgezogen. Der war ein ganz seltsamer Vogel. In meiner Zeit in der Pension hab ich ihn ungefähr 2 Mal gesehen – könnte auch daran gelegen haben, dass er immer nur nachts aktiv war. Den Tag über hat er geschlafen und nachts ist er dann durch die Pension geschlichen. Wenn also nachts so gegen 2 irgendwas gescheppert oder geklappert hatten wussten wir immer – Ach ja, der Manuel ist mal wieder unterwegs. Laut Aussage von Rafaela ist er vor knapp 8 Monaten mit seinen Eltern angereist, da diese ursprünglich nach Paraguay auswandern wollten. Dies hat allerdings nicht ganz geklappt, weswegen sie dann irgendwann wohl weiter nach Kanada sind und Manuel dagelassen haben. Der wollte hier nämlich ne Ausbildung machen – doof nur, dass es hier so was nicht gibt…hätte man sich vielleicht früher informieren sollen. Jetzt ist sein erklärtes Ziel, Millionen durch den Verkauf/die Produktion von paraguayischen Soft-Pornos zu machen…ja….jedem das seine, oder?

Marcel, der Schaum, ich und Christina beim Carnaval!
Ansonsten hab ich mich vom 05.03 bis zum 09.03 zusammen mit Marcel, von dem ich glaube ich schon erzählt habe, und seiner ihn besuchenden Freundin Annika auf eine kleine Reise durch Paraguay begeben. Am Donnerstagmorgen um 7.30 ging’s mit einem klitzekleinen Mietwagen erstmal auf nach Encarnación. Dort waren wir bereits 2 Wochen zuvor beim Carnaval gewesen. Den kann man sich ungefähr so vorstellen, wie das was man aus Brasilien kennt: halbnackte Frauen mit glitzernden Kostümen, Samba(?)-Musik und was bei uns noch hinzu kam: jede Menge Sprühschaum. Ein Trend der hoffentlich nie Deutschland erreichen wird. Dieser Schaum hat ne ähnliche Konsistenz wie Spülschau, klebt wie nochmalwas und brennt in den Augen…damit wird dann gnadenlos jeder vollgesprüht, der den Weg des Angreifers kreuzt. Irgendwann mussten wir uns dann auch mal wehren…höhöhö. Gute 4 Flaschen Schaum später, gingen wir aus diesem Kampf leider als Verlierer hervor…Spaß hat’s allemal gemacht.

Karte Paraguays - Damit ihr meine Reiseroute verfolgen könnt.
Wie dem auch sei, kaum hatten wir uns also auf den Weg nach Encarnación gemacht und waren aus Asunción draußen, gerieten wir prompt in eine Polizeikontrolle. Nachdem sie uns als Touris identifiziert hatten, machten sie sich krampfhaft auf die Suche nach irgendeiner Ordnungswidrigkeit um uns erstmal schön zu schröpfen. Natürlich fanden sie nichts….Bis der gute Marcel in Flip-Flops aus dem Auto ausgestiegen ist. Haben uns dann seeehr freundlich erklärt, dass man ja in Paraguay nicht mit Flip-Flops fahren dürfe (macht hier jeder) und haben ihm gleich mal 25€ abgeknöpft. Auf die Frage nach ner Quittung kam nur die Antwort: Ja, die gäbe es schon, aber da müsste man dann erstmal zur Hauptdienststelle fahren und die würden uns noch viel mehr Geld abnehmen, wir hätten ja noch nen Freundschaftspreis bekommen usw….da war uns klar, dass das wohl das erste Zusammentreffen mit korrupten Polizisten war. Hat uns dann doch alle sowohl geärgert als auch geschockt, denn wenn man nicht mal der Polizei trauen kann in Paraguay, wem denn dann???
Nach 4 Stunden Fahrt kamen wir dann schließlich in Encarnación an, nur um festzustellen, dass es außer Karneval nicht viel zu sehen gibt. Und der war ja bekanntlich schon wieder vorbei. Hab noch ein paar Bildchen am Rio Paraná gemacht, mit Annikas super-tollen Spiegelreflexkamera, die ihr glücklicherweise nicht geklaut worden ist und sind dann aber gleich weiter in unser Hotel. Das stellte sich als absolute Luxusanlage heraus, mit riesigem Pool, Hängematten, großem Outdoor-Schachspiel und so weiter. Die Zimmer waren so groß und teuer, dass ich auch nur einen Abend in meinem gebuchten Einzelzimmer verbracht habe. Dieses war genauso groß wie Marcel und Annikas 2-Bett-Zimmer und beinhaltete neben einem großen ,,Ehebett’’ auch noch ein Einzel- und ein Kinderbett…hab mich schon ein bisschen verloren gefühlt.

Carnaval
Nachdem ich aber die Minibar, als auch die Fernbedienungen für Klimaanlage und Fernseher entdeckt hatte, gelang es mir nicht, mich an diesem Tag noch einmal aus meinem Zimmer zu entfernen und so verbrachte ich einen schönen Abend mit der Mumie 1&2.
Am nächsten Tag schauten wir uns nach einem ausgiebigen Besuch am Frühstücksbuffet die Jesuiten-Ruinen in Trinidad und Jesús an. Die Jesuiten kamen im 17. Jahrhundert nach Paraguay und waren die einzige Institution die sich damals für die Guaraní-Indianer einsetzte. Allein in den Reduktionen der Jesuiten hatten die Guaraní keine Übergriffe der Spanier oder Portugiesen zu fürchten und konnten ein einigermaßen friedliches Leben führen.
Am selben Abend durften wir dann noch eine kleine Bootstour auf dem Río Paraná machen. In dem glauben, dass es sich wohl um so einen typischen Touristen-Kahn handeln musst machten wir uns mit unserem ca. 10 cm über dem Boden schwebende kleinen Auto auf den Weg zum Flussufer. Dieser bestand aus ca. 15 km teils steil abfallender Schotterpiste…hat ein paar Mal ganz schön gekracht und wir haben den Rest der Reise Daumen gedrückt, dass uns der Auspuff nicht abfällt….
Unten endlich angekommen, stellte sich raus, das wir die einzigen Touristen waren und es sich bei dem Kahn um ein kleines aber feines Motorboot handelte, mit dem wir ca. 1 ½ Stunden über den Fluss gedüst sind. Inklusive halt an abgelegenen Sandbänken. Dank Marcel, der uns irgendeine Story von Finger-abbeißenden Fluss-Piranhas und Krokodilen erzählt hatte, lagen unsere Badesachen natürlich in Asunción, als uns unser netter Kapitän anbot schwimmen zu gehen….und das bei 40°C – WAAAHHH! Na ja immerhin konnten wir mit den Füßen ein bisschen im Wasser pflanzen, einen Haufen Schmetterlinge beobachten und hatten links und rechts von uns 2 verschiedene Länder.
Am nächsten Tag ging’s dann noch mal 250 km weiter nach Ciudad del Este, der Grenzstadt am Dreiländereck Paraguay, Argentinien, Brasilien. Die Stadt, die als Kaufparadies für Technik-Fälschungen und Schmuggelware aller Art bekannt ist versprüht den Charme einer typischen Amerikanisch-Mexikanischen-Gangster-Filmes – ich fand’s also spitze. Nach einem kurzen Zwischenstopp in unserem Hotel machten wir uns auch gleich auf den Weg nach Brasilien. Die gestaltet sich schwieriger als gedacht. Da der Rio Paraná die beiden Länder trennt, gibt es keine gemeinsame Grenze. Hieß für uns also: Aus Paraguay ausreisen, über die Brücke fahren, in Brasilien wieder einreisen und das Ganze auf dem Rückweg natürlich noch mal…sind dann durch Iguaçu durchgefahren. Und der Unterschied zu Paraguay hätte kaum größer sein können: Kein bettelnden Kinder, keine Schlaglöcher, modernere Ampeln als in Deutschland, Calvin Klein Werbung, alles sauber, teure Autos und viele unechte Brüste…total unwirklich.
Sind dann erstmal in einen Vogelpark gefahren wo man Aras, Papageien und ein Haufen bunter Schmetterlinge in riesigen Freiluftanlagen bewundern konnte. Ziemlich beeindrucken, einfach mitten im Urwald zu stehen. Danach war die Brasilianische Seite der Iguaçu-Wasserfälle dran, dem eigentlichen Grund unseres Besuches in Ciudad del Este. Diese sind die größten Wasserfälle der Welt zumindest was die Breite betrifft. Sie liegen sowohl auf brasilianischem als auch auf argentinischem Staatsgebiet. Hier mal der Wikipedia-Link falls ihr euch näher informieren möchtet:
http://de.wikipedia.org/wiki/Igua%C3%A7u-Wasserf%C3%A4lle
War auf jeden Fall traumhaft schön, tropisch nass und am Ende waren wir vom Sprühregen nass bis auf die Knochen. Sobald Annika mir die Bilder gebracht hat setzt ich sie rein, die sagen mehr aus als ich jetzt beschreiben könnte. Am nächsten Tag war dann die Argentinische Seite dran. Hieß also erstmal: Ausreisen aus Paraguay, Einreisen in Brasilien, Ausreisen aus Brasilien, einreisen in Argentinien usw…..hab gefühlte 20 Stempel mehr in meinem Reisepass. Da die argentinische Wasserfall-Seite Park-ähnlich angelegt ist konnten wir dort fast den ganzen Tag verbringen. Neben den besagten traumhaften ,,Cataratas de Iguazú“, hatten wir auch noch die Chance Kaimane, Nasenbären, große Spinnen und viele lustige Touristen zu sehen. Sogar ein bisschen Planschen im Fluss war möglich. Da an diesem Tag entweder die Sonne geknallt hat oder es wie aus Kübeln geschüttet hat, und wir wahlweise mit einem Sonnenstich bzw. verwischter Schminke und nassen Klamotten zu kämpfen hatten, fielen wir an diesem Abend nur noch wie tot ins Bett. Und ich hatte mich schon so auf’s Brasilianische Nachtleben gefreut….
Am letzten Montag hieß es dann auch schon wieder Abschiednehmen und nachdem ich noch eine (vermutlich gefälschte) Olympus-Kamera für ca. 85€ erstanden hatte, machten wir uns auch schon wieder auf den Rückweg nach Asunción.
Dort hab ich es gerade noch geschafft Christina meine Erlebnisse mitzuteilen, bevor ich fix und fertig erstmal 10 Stunden geschlafen haben.
Die restliche Woche verlief eigentlich relativ ruhig. Wie in letzter Zeit üblich mache ich mich Mittwoch bis Freitag immer um 13.30 Uhr auf in die Chacarita um meine Niños

Ich und Gustavo
zu treffen. Die ganze Rasselband hab ich schon so fest in mein Herz geschlossen, dass es mir jetzt schon vor dem Abschied graut. Zwar haben sie alle eine Energie, die für 2 reichen würde, aber obwohl sie wirklich nicht viel haben sind sie stets fröhlich, immer ehrlich und eine Umarmung oder ein nettes Wort reicht um sie strahlen zu lassen. Unterrichten tue ich selbst momentan nicht, das übernimmt momentan Analia, die mit Gustavo an der Uni studiert und mit der ich am Sa nach langer Zeit endlich mal wieder Kaffee trinken war.
Im Allgemeinen kann man sich die gesamte Einrichtung sowieso nicht als richtige Schule vorstellen, sondern viel mehr als einen Ort, an dem die Kinder schöne Nachmittage verbringen können – allemal besser als auf der Straße Obst oder Chipa verkaufen zu müssen. Ein paar Englische Vokabeln bleiben aber immer wieder hängen und so werde ich in letzter Zeit oft mit ,,Hello Profe“ begrüßt. Total süß. ^^
Bin in der Chacarita mittlerweile auch nur noch mit meinen ,,Gammel“-Klamotten und einer Plastik-Tüte für mein Wasser unterwegs und falle kaum noch auf. Die meiste Zeit hängen eh 2-3 Kinder irgendwie an meinen Beinen/Armen, was gar keine andere Kleidung mehr zu lässt. Ich liebe es!
Am Wochenende fand dann auch der Event statt, welchen ich mit Ariel von der anglikanischen Kirche geplant hatte. Nach einer Stunde Schnitzeljagd, Fußballturnier und anderen lustigen ,,Juegos“ im Barrio Zeballos Cue gingen sämtliche Kinder des dortigen Comedors ,,Carita Feliz“ (in etwa so was wie die Arche bei uns – die Kinder aus der dortigen Chacarita bekommen hier jeden Samstag etwas zu essen) mit einem Paar neuer Sport-Schuhe oder einem anderen Geschenk, sowie mit einem Strahlen im Gesicht nach Hause.
Am Abend wurde in der Pensión dann noch ein kleines Asado, also Barbecue veranstaltet. Heißt hier: 2 Kilo Fleisch am Stück auf den Grill schmeißen und immer wieder einfach ein Stück abschneiden, dass schon fertig durchgebraten ist. So ein

Christina und Arnaldo im Pool
gutes Steak habe ich mein Leben noch nie gegessen! Da auch etwas Rum im Spiel war sprangen der gute Arnaldo und Christina am Schluss aufgrund einer seltsamen Wette teils mit Klamotten in den Pool. Ein perfekter Abend also.
So ihr Lieben, das war’s erstmal. Gestern hab ich zwar auch noch einiges erlebt, aber das hat eindeutig seinen eigenen Artikel verdient.
Ich geh jetzt erstmal mit Christina die Reste vom Asado vernichten und melde mich bald wieder. Dann hoffentlich auch mal wieder mit Bildern!
Hasta el proximó!
Nessa




Na endlich! Wurde ja auch Zeit. Und sogar mit vielen Bildern und häufiger Nennung meines Namens.
Schlaf gut, Nase. Bis morgen zum Frühstück.
Die Lieblings-Nebenzimmer-Bewohnerin
Zimmernachbarin schrieb dies am 18. März 2009 um 02:11